Im Grunde könnte hier ein Verweis auf den Bericht aus dem letzten Jahr stehen, denn unterm Strich sind die Eckpunkte des Fazits über unsere Teilnahme am Prager Schachfestival gleich:
- Tolle Veranstaltung, super Atmosphäre, klasse Organisation
- Lily bildete wieder mit Vincent Keymer eine Teamwertung
- Sportlich enttäuschendes Futures-Ergebnis für Lily
- Lily schlägt im Simultan eine GM (vor einem Jahr war es „nur“ eine WGM)
- Und last but not least: Zweiter Platz für mich beim Rapidturnier (letztes Jahr Erster)
Hier könnte der Bericht eigentlich schon enden, ein wenig mehr wollen wir die Öffentlichkeit dann aber doch an unseren Erfahrungen teilhaben lassen. Als Lily gefragt wurde, ob sie wieder das Futures-Turnier mitspielen wolle, war die Freude groß. Natürlich wollte sie, schließlich bringt eine Teilnahme dort die ganz große Bühne mit sich, zusammen mit der Weltspitze in einem schönen Hotel in einer europäischen Hauptstadt und medialer Begleitung auf höchstem Niveau: Welches Schachtalent, das nebenher natürlich auch Schachfan ist, könnte widerstehen, in direkter Nachbarschaft zum Weltmeister Dommaraju Gukesh, David Navarra, Vincent Keymer, Hans Niemann, Divya Deshmukh usw. zu spielen? Lily war hochmotiviert und auf dem Papier sahen die Voraussetzungen auch im Vergleich zum letzten Jahr günstig aus. Sie hat seitdem deutlich an Spielstärke zugelegt (fast 300 ELO-Punkte gewonnen) und war nominell an 2 gesetzt. Auch dieses Jahr wurden 10 Mädchen im Alter 12-15 Jahre eingeladen, Lily war also wieder eine der jüngeren Teilnehmerinnen. Nicht zuletzt ist auch ein Ziel der Veranstalter bei der Ausrichtung eines Futures-Turniers, den tschechischen Nachwuchsspielerinnen die Gelegenheit zu bieten, sich mit der internationalen Spitze anderer europäischer Länder zu vergleichen, daher wurde neben Lily, der deutschen Nummer 1 ihrer Altersklasse, auch ihr Pendant aus der Schweiz, Italien, Polen und Lettland eingeladen. An Motivation mangelte es dort niemandem, im Regelfall waren unter den letzten fünf am späten Abend noch nicht entschiedenen Partien des Masters-, Challengers- und Futures-Turniers auch eine oder zwei dabei, in der die Futures-Spielerinnen versuchten, im Endspiel noch einen Gewinnweg zu finden.
Die Eröffnungsfeier war wieder einmal hochrangig besetzt, viele Ehrengäste und Sponsoren kamen zu Wort und wünschten allseits gutes Gelingen.
Lilys Auftritt bei der Eröffnungsfeier
Jede Futures-Spielerin bekam ein Autogramm „ihres“ Masters
Die Masters und die Futures. Die Teampartner sitzen/stehen jeweils hintereinander (©Prager Schachfestival)
Team Schirmbeck vor den Porträts der Sieger der letzten Jahre. Ganz rechts das neueste, welches Aravindh Chithambaram zeigt, der letztes Jahr etwas überraschend das Masters gewonnen hatte.
Es war ein schöner Abend, auf dem Empfang danach trafen wir viele bekannte Gesichter vom letzten Jahr wieder und lernten auch ein paar neue kennen. Die Anspannung war fühlbar, am nächsten Tag würden die Turniere starten. Bis zum Ruhetag nach der 5. Runde holte Lily leider nur 2 Siege, dreimal musste sie ihrer Gegnerin gratulieren. Die Ursachenforschung mit ihrer Trainerin WGM Carmen Voicu-Jagodzinsky, die Lily aus der Ferne unterstützte, bot dabei kein klares Bild. Gegen die Tschechinnen Suzanna Stara und Anna Hrckova war ihre Zeiteinteilung suboptimal und führte zu Fehlern, gegen die spätere Turniersiegerin Kaja Radzkowska geriet sie nach einem strategischen Fehler in der Eröffnung sofort auf die Verluststraße. Die Siege gegen Clio Alessi und Kajas jüngere Schwester Lila in Runde 3 und 4 waren dagegen ziemlich sauber.
Die Stellung ist objektiv gewonnen für Weiß, aber es ist kompliziert. Lily musste Sxe6 finden und die Konsequenzen korrekt berechnen. Sie hatte dafür aber keine Zeit mehr übrig, zog kurz vor dem Ablauf ihrer Bedenkzeit ihre angegriffene Dame weg und verlor entscheidend Material.
Lily zu Beginn einer ihrer wenigen Gewinnpartien gegen Clio Alessi
Am Wochenende hatte ich dann auch mal Zeit, mich ans Brett zu setzen, und auch für mich gab es in den „Side Events“ des Festivals passende Gelegenheiten. Dort wurden immer morgens vor dem Rundenstart des Opens am Nachmittag verschiedene Turniere gespielt. Es gab zum Beispiel Freestyle Chess, Tandemschach, Paarblitz und auch eine mir neue, aber interessante Variante genannt „Basque Chess“. Dort spielt man gleichzeitig zwei Partien mit vertauschten Farben gegen denselben Gegner. Hätte ich gerne mal ausprobiert, lief aber am falschen Tag. Als ich frei hatte, gab es ein Rapid- und ein Blitzturnier. Rapid lief super, ich verlor keine Partie und holte den zweiten Platz. Es war zwar nur das B-Turnier (unter ELO 2000), aber kleine Bäcker müssen eben kleine Brötchen backen. Das Blitzturnier am nächsten Tag war dann zum Vergessen, also Schwamm drüber ;-).
700 Kronen für den Tiger!
Am „Ruhetag“ war für die Futures alles andere als Ausruhen angesagt. Dieses Jahr hatten sich die Organisatoren wieder ein besonderes Highlight ausgedacht. GM Pia Cramling reiste an und verbrachte einen Tag mit den Futures im Rahmen des „Women’s day of chess“. Zuerst gab es eine „Lecture“ mit Pia, danach einen Fototermin und nach dem Mittagessen ein Simultan: 10 Futures gegen eine Großmeisterin. Gespielt wurde hoch über der Stadt im 12. Stock des Grand Hotels Prague Towers. Das Haus gehört wie das Hotel Don Giovanni Hotel, wo das Festival stattfand, auch zur Czech Inn Gruppe. Nette Aussicht! Neben dem Future-Simultan gab es noch ein weiteres gegen junge Mädchen aus Prag und man konnte einen Schachroboter ausprobieren. Eine etwas surreale Erfahrung war das, wie man im unteren Video vielleicht ein wenig nachfühlen kann. Bestellen kann man das Teil für 849€ über Amazon.
Lily spielte wie schon im Vorjahr (damals gegen WGM Dana Reizniece) als einzige Spielerin der Futures eine Gewinnpartie. Es gab drei weitere Remis und sechs Partien gingen für das Team Nachwuchs verloren. Lilys Partie ist sehenswert, wurde aber nur lokal übertragen. Interessierte können sie hier aber gerne herunterladen und anschauen.
Pia hat Weiß und stand etwas besser, spielte aber im 21. Zug Dd1. Lily fand hier eine hübsche Taktik, um Ausgleich zu bekommen: Lg4! nebst der Idee Tc2 mit Doppelangriff. Weiß sollte f3 spielen, um sich etwas Vorteil zu sichern. Pia nahm aber den Läufer. Nach ein paar weiteren weißen Ungenauigkeiten im Endspiel, bekam Lily Vorteil und gewann die Partie.
Die Futures gegen die GM. Pia war gut zu Fuß und riss einige Meter ab auf ihrem Weg vom Brett zu Brett (©Prager Schachfestival)
Auch die weiblichen Spielerinnen des Challenger-Turniers waren eingeladen: Divya Deshmukh kam und machte Werbung für das Frauenschach.
Bericht von Chessbase India über den Women’s Day
Nach diesem Highlight war die Hoffnung groß, dass bei Lily der Knoten platzen und die zweite Hälfte des Future-Turniers besser laufen würde. Die Hoffnung war allerdings vergebens. Es lief weiterhin nicht viel zusammen. Sie überspielte zwar Christina Jordan in der Eröffnung, fand aber den Ausknipser nicht und die Schweizerin wehrte sich so hartnäckig, dass die Partie sogar zu ihren Gunsten kippte. Gegen Bao Anh Angelina Nguyen Doan verlor sie das Endspiel. Gegen die diesjährige Europameisterin in der U12w Alona Tolmaceva gelang dann wieder ein Sieg, dann folgte in der letzten Runde gegen eine fast perfekt spielende Sofia Markina aber wieder eine Niederlage. Der Sieg des Futures-Turniers ging verdient an die Polin Kaja Rzadkowska, die sich über eine kostenlose Teilnahme am Open im nächsten Jahr freuen darf. Lily landete auf dem drittletzten Platz und verlor über 100 ELO Punkte. Auch das dritte Mal in Prag verlief also sportlich enttäuschend. Die deprimierte Stimmung hielt aber nicht lange an. Für die Schlussparty hatten sich die Organisatoren noch ein Highlight ausgedacht. Ein Hand&Brain-Turnier in lockerer Atmosphäre mit allen Spielern des Masters, Challengers und Futures zusammen mit ein paar Sponsoren und anderen Ehrengästen. Lily bildete ein Team mit dem dänischen GM Jonas Buhl Bjerre und durfte gleich in der ersten Runde gegen Vincent Keymer und Teampartner antreten (Sieg). In der zweiten Runde ging es dann gegen Dommaraju Gukesh (Niederlage).
Partie gegen Keymer
Partie gegen Gukesh
Das Turnier zog sich bis nach 23 Uhr. Ich verabschiedete mich schon ins Zimmer, Lily wollte nur noch ein paar Leuten auf Wiedersehen sagen und versprach kurzfristig nachzukommen. Eine halbe Stunde verging: Keine Lily in Sicht. Dafür leuchtete auf dem Handy eine Nachricht von ihr: „Spiele Tandem mit Gukesh, ok?“. Eine erlesene Gruppe hatte sich spontan zur „After Party“ am Brett zusammengefunden: Gukesh, Keymer, Maghsoodloo, Ganguly und mittendrin die beiden Futures-Spielerinnen Lily Schirmbeck und Clio Alessi. Und sie hörten damit gar nicht mehr auf. Um 2 Uhr war dann Schluss eines denkwürdigen Abends. Vielen Dank an dieser Stelle für die Aufmerksamkeit und Freundlichkeit der Masters-Spieler für den Nachwuchs!
Freitagsnachts halb 2 in Prag…
Sogar Chessbase Nepal lies es sich nicht nehmen, von der denkwürdigen Aktion ein Short zu posten. (©Chessbase Nepal)
Weitere Videos, inklusive der wirklich sehenswerten Kurz-Tagesberichte sind auf der Facebook Präsenz des Prager Schachfestivals zu finden. Für Lily Fans sei insbesondere das Anschauen des Videos zum Womens Chess Day empfohlen. Vielen Dank an dieser Stelle an die Organisatoren, besonders der Futures Betreuer IM Petr Pisk und Turnierdirektor Petr Boleslav und sein Team. Ihr habt mal wieder die zwei Wochen beim Prager Schachfestival zu einem besonderen Erlebnis für Schachbegeisterte aller Herren Ländern gemacht!
Link zur Website des Prager Schachfestival













